Weihnachten und das Leid der Welt – wie passt das zusammen?

Wie kann Gott all das Leid zulassen?
Mein Nachdenken darüber – und das anderer Menschen – floss in die dritte Szene von Apocaluther ein:

(Theodor und Theodizee im gemeinsamen Zimmer, sitzen auf den Betten, beide mit einem Buch in der Hand)

Theodizee: Ich denke, Gott lässt das Leid gar nicht zu. Er verhindert es aber auch nicht. Die Menschen sind einfach zu weit weg von Gott.

Theodor: Du meinst die Paradies-Geschichte, als sie da rausgeflogen sind.

Theodizee: Naja, das war ne logische Konsequenz. Paradies heißt ja, verbunden mit Gott zu handeln. Dann ist alles gut.

Theodor: Aber die Menschen haben irgendwann gemerkt, dass sie auch leben können, ohne sich mit Gott verbunden zu fühlen.

Theodizee: Und dann hat Gott sich gedacht, sollen die Menschen das halt mal ausprobieren!

Theodor: Also war’s vorbei mit den paradiesischen Zuständen.

Theodizee: Die Menschen leben seither, ohne ihre Verbundenheit mit Gott zu fühlen oder wahrhaben zu wollen. Und Gott lässt sie machen.

Theodor: Ja, er gab ihnen ja die Freiheit. Als Gottes Ebenbild sind die Menschen genau so frei wie Gott. Nur, dass Gott immer mit den Menschen verbunden blieb.

Theodizee: Aber Menschen fühlen sich getrennt von Gott. Also handeln sie entsprechend. Gott-los.

Theodor: Hier im Buch1 steht das auch, ist ein neues Buch über Martin Luther. Hab ich bei Papa gefunden. Wo ist die Stelle … (blättert). ach ja, ganz vorne, hier, hör mal zu. Der das geschrieben hat, meint, dass Luther „Jesus Christus als den Erlöser und Befreier des Menschen aus dessen Gottesentfremdung“ versteht.

Theodizee: Ja, logisch.

Theodor: Ist aber nicht für alle logisch, weißte doch. Warte, es geht noch weiter. Hier, ich les Dir noch einen Satz2 vor. (blättert) „Der Mensch hatte ursprünglich die innigste Gottesgemeinschaft, die Gott dem Menschen als seinem Geschöpf gewährt. Er war so im Heil“ – man könnte auch sagen: der Mensch war so heil und gesund – wie es ihm … oh Mann, ist das kompliziert. Also, ich übersetz es mal (klappt das Buch zu und schließt die Augen, sagt langsam und überlegt, nachdenklich) Der Mensch war im Paradies so heil und gesund wie es nur geht. Als er merkte, dass er auch ohne Gott leben kann, hat Gott gesagt: Alles klar, dann mach mal! Dann hat Gott gesehen, dass es dem Menschen ohne paradiesische Zustände NICHT gut geht. Also hat er Jesus Christus auf die Welt geschickt, der den Menschen wieder so heil macht, wie das mal gemeint war, (langsamer, deutlich) als „Ebenbildlichkeit Gottes in Liebe, Gnade und Weisheit“2. (macht die Augen auf)

Theodizee: denkt einen Moment nach) Wahrscheinlich hat Gott gedacht, die Menschen würden verstehen, was er meint, wenn da so ein kleines Kind auf die Welt kommt. Ja. Er hat vielleicht gedacht, (langsamer, nachdenklich) die Menschen würden Gott ALS KIND besser verstehen. Pustekuchen. Erst wollten sie das Kind umbringen. Das haben sie nicht geschafft. Jesus überlebte. Er wurde groß und war so stark mit seiner ganzen Liebe, Gnade und Weisheit, das haben die Mächtigen der Welt nicht ausgehalten! Also wurde er schließlich doch umgebracht. Ich glaube, den Mächtigen hat vor allem ein bestimmter Satz Angst gemacht, den Jesus gesagt hat. Und dieser Satz ist noch viel älter als Jesus! Der Satz ist aus dem Alten Testament3.

Theodor: Wenn zwei dasselbe denken, dürfen sie sich was wünschen.

Theodizee: Der Satz heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Theodor: Bingo! Das hat Jesus verstanden und gelebt.

Theodizee: Und wenn alle Menschen das wirklich tun würden, dann wären die paradiesischen Zustände wieder da!

Ende der Szene.
Doch genau das mit der Selbstliebe ist so eine Sache.
Woran die Welt krankt, ist nämlich genau der Umstand, dass von Generation zu Generation weitergegeben wird, man sei NICHT zu einhundert Prozent, also bedingungslos liebenswert. Dieses Mangelgefühl füllen wir Menschen mit Gier, Geiz und Macht oder mit Jammer, Aufopferung und Machtlosigkeit auf. Beide Extreme ergänzen sich seit Jahrtausenden.

„So ist die Welt“, heißt es dann.
„Dir geschehe nach deinem Glauben“, sagte Jesus.

Aus dem eigenen Mangelgefühl in die einhundertporzentige Selbstliebe zu finden – und nur die führt zu einhundertprozentiger Nächstenliebe – ist ein langer Weg durch Schatten und Verstrickungen, den jeder Mensch für sich zu gehen hat. Doch jeder Mensch, der diesen Weg geht, unterstützt damit andere, ihn ebenfalls zu gehen. Es wird für alle leichter.

Das heilsame Licht der Welt für diesen Weg ist schon da.
Daran erinnert Weihnachten.

 

2 Reinhard Schwarz „Martin Luther – Lehrer der christlichen Religion“, Seite 109

3 3. Buch Mose, 19, Vers 18; Dieses Gebot wird von Jesus in Matth. 22,39 wiederholt.

 

Kirche, komm mal in die Pötte

Am Vorabend zum 3. Advent 2016 in einer großen evangelischen Kirche. Großes Konzert. Mit Zwischentexten. „Wir warten auf das Licht. Es ist so dunkel in der Welt. Oh, dass das Licht doch endlich käme.“ Sinngemäß so war fast alle Literatur, die zwischen den Musikstücken verlesen wurde.

Als Ergänzung zum vom Chor gesungenen antiquiert-süßlichen Text von Rheinbergers „Stern von Bethlehem“ sorgten die gelesenen Sehnsuchts-Texte für einen typischen Effekt: In der Kirche verdichtete sich der evangelische Grauschleier sündhaft-kleinlicher Befindlichkeit. Wehe allen, die es wagen, Freude zu verstrahlen! „Die Welt ist so dunkel ob der vielen Schlechtigkeiten, die geschehen.“ Als ob diese einfach so vom Himmel fielen, von Gott geschickt. Dass die MENSCHEN all das Leid seit Menschengedenken selbst verursachen und darum auch nur selbst beenden können – kein Wort davon. „Kirche, komm mal in die Pötte“ weiterlesen

Tagebuchaufzeichnung anno 1945

„Werden wir je wieder normale Menschen werden? Wie ein Stück Dreck hat uns diese Zeit in ihre blutigen Fäuste genommen und uns hineingeklatscht in das Grauen, den Sadismus, den Wahnsinn.

Einer kriecht auf allen Vieren vorwärts, bleich im Entsetzen vor dem nahenden Ende. Niemand achtet darauf, nicht der nächste Nebenmann. Jeder kennt nur sich, fühlt nur dumpf die eigne Qual. Sein furchtbares Leiden betäubt ihn, Tag und Nacht.

Wie gut, daß ihr daheim nicht wißt, wie furchtbar wir unsere Qual durch die Stunden tragen. Eure armen, geschwächten, ängstlich horchenden Herzen müßten daran zerbrechen.”

Franz Ballhorn, KZ Sachsenhausen; aus: Walter Kempowski, Das Echolot Abgesang ‘45, Ein kollektives Tagebuch, btb Verlag, Seite 163 f., Abdruck in der Dokumentation der Kollektiven Performance 24-29-3-45 (2012) mit freundlicher Genehmigung des Albrecht Knaus Verlags, München.

Soll bleiben, kann doch nicht

Trauerweide

Nach einer Geschichte von Josef Burg

Finkhofwolle, Holz aus den Bergen der Madonne de Fénèstre/Frankreich, Brennesselgarn

Januar 2009
133 x 133 cm

In der Geschichte versuchen Menschen, eine alte Weide davor zu bewahren, in einen reißenden Fluss zu fallen. Zu alt ist die Weide, zu viel hat sie gesehen. Sie soll bleiben, und kann doch nicht.

Judas

als ich war / einer von euch

– Installation aus Finkhofwolle, Brennesselgarn,
Glimmersteinen zur Rolle des Judas –
2011

Judas hing einige Wochen lang vor der Kirche am Baum.
Die Glimmersteine waren vor den Altar geworfen.

Einige Wochen vorher fragte mich ein Freikirchler,
ob ich etwa der Meinung sei, dass Judas im Paradies weilt?

Ich weiß es nicht und es geht mich auch nichts an., sagte ich damals.
Das Gespräch war zum Glück schnell beendet.
Aber ich bekam noch zu hören, Judas müsse in der Hölle schmoren.
Das sagt ein evangelischer Freikirchler.

Gott ist bedingungslose Liebe. Die Reformation der Herzen bedeutet, endlich die Konsequenzen daraus zu ziehen.