So ist die Welt?

Traumatisierung durch Krieg, was das mit den nachfolgenden Generationen macht und wie es wieder gut werden kann

Zu 75 Jahre Kriegsende wollte der Kinderchor Dörnigheim im Rahmen des Kultursommers Main-Kinzig-Fulda die „Kinder des Lichts“ aufführen. Da die Aufführung wegen der Coronakrise auf einen noch unbestimmten Termin verschoben werden musste, hier zum 8. Mai 2020 die Geschichte online, rudimentär erzählt und bebildert sowie mit ausgewählten Liedern bestückt.

Inhalt

Herr Not bereitet sein jährliches Dunkeltreffen vor. Dem Maikäfer gefällt das überhaupt nicht. Er mag viel lieber Licht und bunte Farben. Aber wo Not herrscht, hat das Helle nichts zu suchen. Das soll nach Meinung der Dunkelgestalten auch so bleiben. Die Kinder des Lichts sehen das anders. Zusammen mit dem Maikäfer wollen sie das Licht in der Welt verbreiten. Ob sie das schaffen? Und was wird dann mit dem Kummer des Großvaters, der im Krieg seinen Vater und seine Heimat verloren hat?

Kind: Opa, wie dunkel ist eigentlich die tiefste Dunkelheit?
Opa: Mach die Augen zu.
Kind schließt die Augen.
Opa: So dunkel und noch dunkler, mein Junge.
Kind: Aber da ist immer noch Licht, ich sehe schöne Bilder.
Opa: Da sieht man nichts, wenn man die Augen zu hat.
Kind: Doch, Opa, ich sehe bunte Bilder. Kinder spielen. Die Sonne scheint.
Opa: Dann stimmt etwas mit deinen Augen nicht.
Kind: Opa, mach mal die Augen zu. Los, mach schon!
Opa schließt die Augen.
Kind: Und? Was siehst du?
Opa: (schweigt)
Kind: Opa!
Opa sitzt mit geschlossenen Augen, schweigt.
Kind: Opa? Siehst du die Kinder und die Sonne?
Opa schweigt mit geschlossenen Augen, das Kind geht zu ihm, legt ihm die Hand auf die Schulter, rüttelt zaghaft.
Kind: Opa?
Opa legt seine Hände über die Augen, bleibt dort sitzen, mit geschlossenen Augen,
geht beim Lied der Kinder leise ab.
Lied: Die Kinder spiel’n im Sonnenschein

Zu diesem Stück

Mit den schlimmen Geschichten muss doch mal endlich Schluss sein? Ich bin anderer Ansicht. Die Geschichten wollen in Frieden gebracht werden. Denn wo sie verdrängt, verschlossen, verborgen bleiben, entstehen immer neue Geschichten dieser Art.

Eben noch so schön gespielt! Jetzt heißt es fliehen.

Erstes Chorkind: Wo gehen die hin?
Zweites Chorkind: Vielleicht fliehen sie.
Erstes Chorkind: Wovor?
Drittes Chorkind: Vor dem Krieg.
Erstes Chorkind: Vor welchem Krieg?
Alle schweigen.
 
Viertes Chorkind: Das ist glaub ich egal. Menschen fliehen vor jedem Krieg.
Zweites Chorkind: Wo ist denn überall Krieg?
Drittes Chorkind: Müssen wir das hier jetzt wirklich aufzählen? Hat doch jeder Internet. Kann doch jeder selbst nachsehen.
Erstes Chorkind: Aber wo gehen die beiden hin?
Fünftes Chorkind: Und wo ist der Papa von dem Kind?
Maikäfer, flieg, dein Vater ist im Krieg

Die Geschichten werden sogar weitergegeben über die Generationen, auch wenn man es nicht will. Sie erzeugen Angst vor Dingen, die gar nicht da sind. Aber die aus der Angst heraus wieder entstehen können. „So war das immer schon und ich wüsste nicht, warum sich das ändern sollte. So ist die Welt,“ kommentiert Herr Not im Stück diese Tatsache.

Herr Not erscheint zum Dunkeltreffen. Er trägt Mantel, Hut, Handschuhe und Aktentasche, schleppt einen Tisch herbei und vier Stühle, öffnet die Aktentasche, holt eine schwarze Tischdecke heraus und legt sie auf den Tisch. Er holt eine schwarze Stammtischfahne heraus. Er zieht seinen Mantel aus, hängt ihn an eine Garderobe. Aus seinem Sakko holt er ein Handy, telefoniert.
 
Not (ins Telefon, betont die Wörter, damit sie gut hörbar sind): Ja, hier Not. Wie Tod, haha. Nordpol, Otto, Theodor. Not. Wie sieht’s aus, Herr Kollege, dürfen wir Sie beim diesjährigen Dunkeltreffen begrüßen? – Sie sind schon auf dem Weg? Ganz wunderbar. – Also dann, bis gleich!
Herr Not steckt das Handy wieder in die Jackentasche, packt Papiere aus, verteilt sie auf dem Tisch.
Lied: Wenn es dunkel ist

Die Kinder des Lichts sind nicht bereit, so weiterzumachen, wie es die Großen vorleben. „Soll es in mir auch dunkel werden?“, fragt der Enkel seinen Großvater. Die Kinder des Lichts wissen um die Beschaffenheit und Fähigkeit des Lichts, das in die Welt gekommen und geblieben ist. Niemand muss darauf warten. Jeder kann es einfach heilsam benutzen. Denn wir sind auf der Welt, um glücklich zu leben.

Frau Kummer kommt mit ihrem schweren Wagen. Sie geht durchs Publikum, lässt den Wagen vor der Bühne stehen, stellt einige der Herzen auf die Bühnenkante. Dann betritt sie selbst die Bühne.
 
Not: Herzlich willkommen, Frau Kummer. Wie schön, dass Sie wieder Zeit für das Dunkeltreffen gefunden haben. Wie geht es Ihnen?
Kummer: Wie immer, Herr Not, wie immer.
Sie setzt sich, schweigt.

Das Präludium des Stücks zieht in die Dunkelheit hinein, das musikalische Thema wird in sich verdreht und vertauscht. In allen Stimmen tauchen Sequenzen der nachfolgenden Lieder auf. Das Cello intoniert den Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Die Violine versucht, die Zeit zurückzudrehen, indem sie das Thema rückwärts spielt. Vergebens. Wie eisige Schneeflocken schweben die letzten Töne, die auch die Anfangstöne des ersten Liedes sind.

Herr Flucht kommt in den Saal, rennt von hier nach dort, duckt sich, rennt auf die Bühne, setzt sich auf einen Stuhl, sieht vorsichtig um sich, hält sich die Finger auf den Mund „psst!“.
 
Not reicht ihm die Hand: Guten Tag, Herr Flucht. Wie schön, dass sie es noch geschafft haben. Sie hatten eine angenehme Reise?
Flucht nickt: Wie immer, Herr Not, wie immer.
Herr Flucht bleibt hektisch, guckt immer mal wieder hinter sich und um sich.
Nun kommt ein Maikäfer „hereingeflattert“. Er hat einen Korb in der einen, eine große Papierrolle in der anderen Hand.

Maikäfer: Guten Tag, alle zusammen.
Er verbeugt sich zu allen drei Leuten hin.
Frau Kummer und Herr Flucht betrachten ihn erstaunt.
 
Not herrscht ihn an: Was wollen Sie denn hier?
Maikäfer: Hier findet doch das Dunkeltreffen statt. Da gehör ich dazu.
Not: Wieso, warum, versteh ich nicht.
Maikäfer sieht genervt gen Himmel, rollt dann nach und nach seine große Papierrolle auf, auf der die Metamorphose des Maikäfers groß/plakativ gezeichnet ist.
Maikäfer: Ich leb jahrelang unter der Erde.
Sieht Herrn Not an, dieser nickt.
Maikäfer: Dort mühe ich mich ab, aus einer Larve zum Maikäfer zu werden. Hm?
Herr Not nickt.
Maikäfer: Dann schlüpfe ich, muss aber noch ein Jahr warten, bis ich aus der Erde krabbeln kann.
Herr Not: Ja, und?
Maikäfer: Dann fliege ich endlich los. Aber ich kann nur ein paar Wochen alt werden.
Das ist ungerecht. So viele Jahre im Dunkeln. Dann nur ein paar Wochen im Sonnenschein. Und dann dichten die Menschen auch noch Lieder über mich, in denen Krieg vorkommt. Nö. Dazu hab ich keine Lust mehr. Ich bin also sozusagen hier, um mich über die Dunkelheit zu beschweren, die Sie hier verbreiten, Herr Not.

Zwei weitere Anmerkungen. Die Oberstimme des Liedes „Als ich ein kleiner Junge war“ bezieht sich auf den Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“. Gemeint ist die Strophe „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren“ – der Hörer mag selbst über den Zusammenhang mit dem Lied dieses Singspiels nachsinnen.

Der Maikäfer zündet eine Kerze an.

Maikäfer rollt die Papierrolle zusammen, klemmt sie sich unter einen Arm, steht mit verschränkten Armen da, guckt herausfordernd-sympathisch und etwas verschmitzt ins Publikum, tappt mit dem Fuß ungeduldig und wartet auf eine Reaktion von Herrn Not.
 
Herr Not kratzt sich am Kopf.
Not: Ja, äh, keine Ahnung. Auf jeden Fall sind Sie hier falsch. Wir erwarten wichtige Persönlichkeiten, da stört so ein Käfer wie Sie nur.
Maikäfer: ICH störe? SIE stören! Wissen Sie, wir Insekten, wir lieben das Licht. Natürlich nicht diese Straßenlaternen, davon bekommen wir Kopfweh. Nein. Wir lieben das Himmelslicht. Das Sonnenlicht. Und das Mondlicht.
 
Maikäfer macht eine ausladende Bewegung zum Himmel und sagt: Der Mond ist so schön! Aufregend regelrecht. Aber was haben die Menschen davon, wenn sie den Mond sehen und traurig werden? Ist Ihnen das schon mal aufgefallen?
 
Not: Was soll mir aufgefallen sein?
 
Maikäfer: Wenn es dunkel wird auf der Erde, werden viele Menschen traurig. Sie erinnern sich an Dinge, die sie erlebt haben. Und dann weinen sie.
 
Not: So ist das halt. War doch immer so. Was soll daran falsch sein? Ist doch prima, wenn es dann dunkel ist. Denn dann sieht keiner, dass die Leute weinen.
 
Das kleinste Chorkind sagt laut und vernehmlich: Das ist ja wohl das Dümmste, was ich je gehört habe!
 
Maikäfer: Herr Not, kennen Sie den Mond?
Not: Das runde Ding da oben am Himmel? Jaja, ist mir bekannt.
 
Maikäfer: Es gibt sogar ein schönes Lied über den Mond. Das hören wir Käfer gerne, vor allem in Mainächten.
Lied: Der Mond ist aufgegangen

Bei diesem Lied nimmt Frau Kummer ein Taschentuch aus ihrer Rocktasche und putzt sich mehrfach die Nase. Herr Flucht hält sich die Ohren zu.

Die Lieder „Der Mond ist aufgegangen“ und „Befiehl du deine Wege“ habe ich hineingenommen, weil sie der Generation des Großvaters sehr vertraut sind und auch den Liederschatz der Kinder bereichern.

Der Maikäfer zündet eine Kerze an. Herr Flucht und Frau Kummer sehen die Kerze traurig an.
 
Not: Was machen Sie da?! Was ist denn das?! Machen Sie das sofort aus!  
Maikäfer sieht Herrn Not freundlich an: Nö! Das ist eine Kerze. Die leuchtet so schön wie das Mondlicht. Mir gefällt’s – und für so ein Treffen ist das gerade richtig.
 
Not reckt die Arme gen Himmel: Was ist denn hier los? Die Hälfte der eingeladenen Gäste taucht einfach nicht auf – und stattdessen kommt ein Maikäfer! Mit einer Kerze!
 
Maikäfer: Wer sollte denn noch kommen?
Not: Ach, wichtige Leute. Ganz ganz wichtige Leute!
Er zählt an den Fingern bedeutungsvoll auf.
Not: Herr Befehl, Herr Vernichtung, Frau Leid, Herr Angst, Frau Vergessen …
Maikäfer unterbricht ihn: Und die kommen alle nicht? Das ist aber schade. Denn dann kann ich meine Beschwerde ja nur bei Ihnen anbringen. Warum kommen die nicht, wenn man fragen darf?
 
Not: Was weiß ich, keine Zeit vermutlich. Die haben zu viel zu tun auf der Welt. Naja, hab ich auch. Aber einer muss sich drum kümmern, dass das alles so weitergeht.
 
Enkelkind sagt laut und vernehmlich: Also, jetzt reicht es aber!
Das Enkelind wird gleich auf die schwarze Seite gehen und sich vor em Tisch aufstellen. Dann:
 
Not herrscht es an: Was willst du hier?
Enkelkind: Mitmachen. Sieht aus, als könntet ihr etwas Licht gebraucht.
Kummer und Flucht halten sich die Hände vor die Augen.
 
Flucht: Bloß nicht. Weg von hier! Du hast hier nichts zu suchen.
Kummer: Keine Kinder. Bloß keine Kinder hier. Weg, Kind, lauf weg, schnell.
Enkelkind: Warum?
 
Not sagt sehr deutlich: Weil – das – hier – nicht – für – Kin – der – ist!
Enkelkind: Warum? Was ist denn mit den ganzen Kindern auf der Welt, denen es schlecht geht, weil die Großen sich immer streiten müssen?
 
Not macht ein verdutztes Gesicht und ist sprachlos.
Flucht und Kummer sehen betreten vor sich hin, Frau Kummer holt wieder ein Taschentuch heraus und putzt sich geräuschvoll die Nase.
 
Maikäfer setzt sich bequem auf den Stuhl, lehnt sich zurück und macht eine Handbewegung nach dem Motto „na siehste, ich hab’s doch gesagt!“

Not findet seine Fassung wieder: Ach, papperlapapp, Kinderkram. Kerzen und Mond und Licht. Bunter Bilder, was? Bunte Bilder findet ihr auch toll, ihr Kinder, stimmt’s?
Lied: Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

Enkelkind geht wieder zu Herrn Not: Wenn ich hier so rumgucke, seh ich bunte Sachen, und bunt gekleidete Menschen. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich bunte Bilder.
 
Not (macht eine abwertende Handbewegung): Das wird schon noch aufhören. Ich sehe schwarz, wenn ich die Augen AUF-MA-CHE (reißt die Augen extra weit auf) – und wenn ich die Augen ZU-MA-CHE (kneift die Augen zusammen). Wie ist das bei Ihnen?
 
Not fragt das in Richtung Kummer und Flucht. Die machen die Augen zu und wieder auf.
Kummer: Schwarz-…grau!
Flucht: Schwarz. Bisschen grau..
 
Maikäfer macht es ihnen nach.
Maikäfer: Bunt!
 
Not guckt ihn erstaunt an.
Enkelkind: Mein Opa sagt, ich hätte was mit den Augen.
Not: Dein Opa ist ein kluger Mann.
Enkelkind: Mein Opa ist ein trauriger Mann.

Kurz darauf wird das Enkelkind mit Herrn Not um den Großvater kämpfen.
Lied: Als ich ein kleiner Junge war
Aber muss das so weitergehen?
Lied: Das muss so sein, das muss so sein – wirklich?

Flucht: Was singt ihr da für einen Unsinn. Viele Menschen können nicht einfach ihre Wege selbst wählen.
Drittes Chorkind: Darum hab ich ja auch vorhin gesagt, dass sich manche Menschen so verhalten, als wenn immer alles so bleiben müsste, wie es ist. MAN-CHE! Und das sind vor allem die mächtigen Menschen. Die Ent-schei-der!
Viertes Chorkind: Die großen Leute machen uns Kindern alles vor. Wenn wir dann groß sind, machen wir es so, wie wir es gelernt haben.
Not, Kummer und Flucht sehen sich ratlos an.
Maikäfer: Also, ich muss von selbst wissen, wie das mit dem Fliegen geht. Mir macht keiner was vor!
Fünftes Kind: Maikäfer müsste man sein!
Stille
 
Opa: Als ich ein kleiner Junge war, hab ich auch gedacht, ich wüsste, wie es geht, dass die Menschen in Frieden leben können. Ich habe nämlich einen Taufspruch.
Maikäfer: Was ist das, ein Taufspruch?
Opa: Wenn man getauft wird, gehört dazu ein Wort aus der Bibel. Das nimmt man dann sozusagen mit auf den Lebensweg. Mein Taufspruch hieß
Lebt als Kinder des Lichts; Die Früchte sind Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5, 8-9)
Enkelkind: Ach du meine Güte. Ausgerechnet du. Und jetzt ist es so dunkel in dir.
Wie schaffen es die Kinder, dass der Großvater wieder bunte Farben sehen kann,wenn er die Augen zumacht?
Wie erreichen sie es, Herrn Not und Herrn Flucht nach Hause zu schicken?
Warum ist es Frau Kummer, die jedem Zuschauer eine Kerze in die Hand drückt, bevor sie mit ihrem immer noch schwer beladenem Wagen den Saal verlässt?
Schlusslied: Lebt als Kinder des Lichts

Ich danke – den Eltern der Kinder für ihr Engagement und ihr Vertrauen 2015 und auch jetzt in 2020 – den vielen Menschen für ihre Geschichten, die ich in dieses Stück verwoben habe – Monika Rauch für die vielfältige Unterstützung – allen, die zu der ersten Aufführung beigetragen haben – meiner Familie für ihre Geduld – und dem Menschen, dessen Taufspruch mich zu diesem Stück inspirierte.

Wir sind auf dieser Erde, um glücklich zu leben. Unser Geburtsrecht ist es, heil und ganz zu sein. Von beidem bin ich fest überzeugt beides hängt miteinander zusammen und für beides engagiere ich mich seit vielen Jahren in Musik und Kunst. Mein Herzensthema ist darüber hinaus, Menschen dabei zu begleiten, von ihrem Geburtsrecht Gebrauch zu machen.

Das ganze Stück ist hier erhältlich. 🙂

Alles Liebe
Eure Ulriqe

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