Das stumme Schweigen des Eins

Am Karfreitag schreit Gott stumm. Wie immer, wenn Menschen Leid angetan wird. Denn nur Menschen haben und erlauben sich seelisch und körperlich versehrenden Zugriff auf andere Lebewesen, auf ihre Umwelt, überhaupt alles, dessen sie habhaft werden können. Die bedingungslose Liebe Gott tut dies nicht. Sie ist einfach da.

Menschen haben und erlauben sich zerstörerischen, quälenden Zugriff auf andere aufgrund ihrer inneren Versehrtheit. Innerlich gänzlich oder ziemlich unversehrte Menschen täten niemandem und nichts etwas zuleide. Jesus Christus war so ein Mensch. Er brachte Menschen durch sein Sein und Wort in ihre Kraft.

Für versehrte Menschen mit weltlicher Macht, die sich aus der Ohnmacht anderer nähren, ist das eine bedrohliche Fähigkeit. Sie wähnen ihre Position in Gefahr. Heile, ganze Menschen stören ihr System. Darum müssen solche Menschen verschwinden, vor allem die, die anderen von dem, was ist, erzählen, und sie in ihre eigentliche Kraft begleiten.

Gott schreit aber nicht nur am Karfreitag stumm. Die bedingungslose Liebe schreit immer stumm, wenn Menschen Leid angetan wird. Wer dies Leid zufügt, müsste das Schreien der Kreatur eigentlich hören und sofort aufhören zu quälen.

Doch die Zufüger scheinen taub, ergötzen sich gar noch daran. Denn so laut das Schreien der anderen auch ist, so viel die Zufüger auch danach verlangen, in ihren eigenen inneren Untiefen verhallt es. In ihrer durch selbst erfahrenes Leid entstandenen, abgrundtiefen Zerrissenheit können sie das Leid anderer nicht wahrnehmen. Sie wollen es auch nicht, denn was geschähe mit ihnen, so sie der das Leid anordnenden Herrschermacht nicht gehorchten?

Am ersten Karfreitag war es nicht stumm. Menschenmassen auf Golgatha. Hammerschläge. Verzweifeltes Weinen, lautes Schreien, unerträglich. Dazu das stumme Schreien des Eins.

In all dem litt Jesus. Mit seinem Ruf der Verlassenheit und seinem Schreien in diese alles durchdringende Stille der bedingungslos liebenden Kraft, aus der wir kommen, hinein ging er in diese Liebe zurück, wurde von ihr aufgenommen. Am ersten Karfreitag vollzog sich dies sichtbar und hörbar für alle, gefolgt von einem Erdbeben, in dem sich diese Ungeheuerlichkeit entlud. Auf dass die Gewalt unter Menschen endlich ein Ende haben möge. Seht doch, was da getan wurde (Mt 25,40).

Doch was da getan wurde, wird seither noch immer getan. Karfreitag hat bislang nicht dazu geführt, dass Menschen aufhören, einander Leid zuzufügen. Obwohl jedes Kind, das auf die Welt kommt, in sich weiß, dass Unversehrtheit sein Geburtsrecht ist, erlebt es auf Erden in unterschiedlichem Maß das Gegenteil, wächst in sich mehr oder minder zerrissen und dies nach außen möglichst systemkonform verbergend auf.

Seit Anbeginn der Zeiten schweigt Gott zum Leid auf Erden nicht, sondern schreit stumm. Nicht er ruft das Leid ins Leben, sondern der Mensch, der Tag für Tag andere Wege gehen könnte, liebte er seinen Nächsten wie sich selbst. Doch wie soll der Mensch in seiner inneren Zerstörheit dies können? Viele wähnen sich ja sich selbst nicht liebenswert und glauben, sie müssen Gott gegenüber etwas Besonderes tun, um wenigstens von diesem geliebt zu werden. Oder sie würden von Gott nur geliebt werden, wenn sie ihren Nächsten lieben, sich selbst aber nicht.

Doch jede Kreatur ist bereits Gottes bedingungslos geliebtes Geschöpf. Ganz egal, was dieses Geschöpf tut oder nicht tut. Darum schreit Gott stumm, wenn ein Menschenkind, das er liebt, einem anderen Menschenkind, das er ebenfalls liebt, Leid antut.

Gottes stummer Schrei ist hörbar in uns selbst. Viele sind damit unvertraut, die vermeintliche Stille ängstigt sie. Doch je mehr Menschen zurückfinden in ihre eigentlich bedingungslos geliebte Unversehrtheit, desto mehr werden sie die bedingungslose Liebe Gott wieder in sich hören, die nie fort, nie tot war. Sondern die alle Kreatur ewig in sich birgt und unaufhörlich spricht Du bist geliebt.

Auch das ist Karfreitag: Erfahren zu haben, dass mächtigen, ängstlichen Menschen der Tod anderer lebensnotwendig wichtig ist. Doch dass aufgrund der ewigen Geborgenheit im Eins der Tod an sich nicht ist, sondern hineinführt in ein anderes, mit Sicherheit friedlicheres Leben.

Dieses Leben könnte es auch hier auf Erden geben. Dafür einfach stets in sich hineinhören, ins Eins abgeben, was belastet, und in sich hineinnehmen, was dort eigentlich hingehört, das ureigene Haben und Sein in und aus der ewigen Geborgenheit des Eins.

Und was ist mit Corona? Das tut kein Mensch dem anderen an. Das ist ein Virus. Wer erschuf diesen? Wenn dies von Gott erschaffen wurde, warum? Und wenn dies nicht von Gott erschaffen wurde, wer war es dann?

Der Mensch, nach Gottes Ebenbild geschaffen, erschafft selbst rund um die Uhr. Das war ja die Erkenntnis, die ihn „aus dem Paradies“ brachte, in dem „alles gut“ war: Diese Erschafferei selbst und auch gott-los zu können – tolle Sache! Leider gehörte die Schaffung des Leids dazu. Ein Mal geschehen, fand das Leid nicht wieder hinaus aus den Menschen. Weil Leid traumatisiert und weil Traumata vererbt werden.

Seither geht es so zu auf der Welt. Der Mensch erschafft die unsinnigsten, leidvollsten Dinge und Erlebnisse. Menschen können das. Sie können das aber auch sein lassen. Sie haben es in der Hand, was auf Erden geschieht.

Der Virus ist da. Das, was auf Erden war und was ist, hat ermöglicht, dass er entstand. Nun können sich Menschen schützen oder nicht schützen. Erkranken oder nicht erkranken. Einander schützen oder einander aufgeben. Panik verbreiten oder besonnen bleiben. Sie können auch über das Leben nachdenken, das sie mit anderen hier auf der Erde verbringen wollen, und zu dem die Verbundenheit mit denen gehört, die hier auf Erden waren.

Aus dem Bewusstsein der Verbundenheit mit dem Eins entsteht nächstenliebende Verbundenheit. Im Moment sieht es so aus, als ob der Virus durch das weltlich angeordnete isoliernde Zurückwerfen des Menschen auf sich selbst genau dies befördern könnte. Dazu würde auch die Erkenntnis gehören, dass Corona den Tod nur genauer zeigt, der sonst so gerne verdrängt wird, obwohl er zum Leben dazu gehört und aus der ewigen Geborgeheit wieder in diese hineinführt.

Ich wünsche Euch einen gesegneten Karfreitag,
Eure Ulriqe

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